
Die unsichtbare Kraft: Warum Kreislaufwirtschaft im Unternehmer beginnt.
Empirische Ergebnisse aus europäischen KMU zeigen:
Nicht Regulierung, Markt oder Kapital entscheiden über die Initiierung zirkulärer Geschäftsmodelle, sondern die innere Kohärenz der Unternehmerpersönlichkeit.
Research by Thomas Keppler
WU Executive Academy Wien | Tomorrow University Berlin


Executive Research Summary
Executive Research Summary
Die Transformation hin zu nachhaltigen und zirkulären Geschäftsmodellen gehört zu den zentralen Herausforderungen für den europäischen Mittelstand. Politische Programme, ESG-Regulierung und technologische Innovationen haben in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen.
Dennoch bleibt die praktische Umsetzung zirkulärer Geschäftsmodelle in vielen Unternehmen begrenzt.
Die vorliegende empirische Studie untersucht eine zentrale Frage:
Warum beginnen manche Unternehmer mit zirkulären Geschäftsmodellen, während andere trotz vergleichbarer Rahmenbedingungen zögern?
Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster:
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Transformation wird nicht primär durch äußere Faktoren ausgelöst.
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Der entscheidende Mechanismus liegt in der inneren Struktur unternehmerischer Entscheidungen.
Die Studie identifiziert einen neuen analytischen Ansatz: den Entrepreneur Coherence Index (ECoI).
Dieser Index misst die Köhärenz zwischen fünf psychologischen Dimensionen:
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Werteorientierungen
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Purpose-Klarheit
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Verhaltensstil
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Motivatoren
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emotionale Intelligenz
Der zentrale empirische Befund der Untersuchung lautet:
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Kein Unternehmer mit niedriger Kohärenz initiierte ein zirkuläres Geschäftsmodell.
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Kein Unternehmer mit hoher Kohärenz blieb Nicht-Starter.
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Externer Druck und Ressourcen wirken lediglich als Verstärker bereits bestehender Entscheidungsstrukturen.
Die Ergebnisse legen daher nahe:
Transformation beginnt nicht im Markt, nicht in der Technologie und nicht in der Regulierung.
Sie beginnt im Unternehmer selbst.

Academic Perspective
"Thomas Keppler gelingt es in seiner Studie, eine zentrale Lücke zwischen strategischen Transformationsmodellen und der Forschung zu unternehmerischer Führung und Entscheidungslogik zu schließen.
Besonders hervorzuheben ist die integrative Herangehensweise, die psychologische Dimensionen unternehmerischen Handelns systematisch mit strategischen Transformationsprozessen verknüpft. Mit dem Konzept der „unternehmerischen Kohärenz“ wird ein analytischer Rahmen geschaffen, der über klassische strukturelle Erklärungsansätze hinausgeht.
Die Arbeit leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Komplexität unternehmerischer Entscheidungen und eröffnet zugleich eine neue Perspektive auf die Führungskompetenz als Voraussetzungen tiefgreifender Transformation in Unternehmen."
Prof. Dr. Kathrin Köster
Faculty Member, Executive Academy, Wirtschaftsuniversität Wien / Tomorrow University of Applied Sciences Berlin
Forschungskontext
Die übersehene Kernfrage der Transformations-debatte
Die Transformation hin zur Kreislaufwirtschaft gilt als zentraler Baustein nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung. In Europa wurde in den vergangenen Jahren eine Vielzahl politischer Initiativen, Förderprogramme und regulatorischer Maßnahmen angestoßen, um Unternehmen zur Entwicklung zirkulärer Geschäftsmodelle zu motivieren.
Trotz dieser Dynamik bleibt die praktische Umsetzung im Mittelstand begrenzt. Viele Unternehmen beschäftigen sich mit Konzepten der Kreislaufwirtschaft, doch nur ein kleiner Teil initiiert tatsächlich entsprechende Geschäftsmodelle.
Diese Diskrepanz wird häufig durch strukturelle Faktoren erklärt. Genannt werden etwa regulatorische Komplexität, fehlende Ressourcen, technologische Unsicherheiten oder mangelnde Marktnachfrage.
Doch eine zentrale Beobachtung bleibt erklärungsbedürftig:
Unternehmen mit vergleichbaren Rahmenbedingungen treffen häufig völlig unterschiedliche Transformationsentscheidungen. Während einige Unternehmer zirkuläre Geschäftsmodelle aktiv entwickeln, zögern andere trotz ähnlicher Ausgangssituation oder lehnen entsprechende Initiativen vollständig ab.
Konventionelle Transformationsmodelle konzentrieren sich primär auf äußere Faktoren wie Markt, Regulierung oder Kapital. Sie vernachlässigen jedoch oft den Ort, an dem strategische Entscheidungen tatsächlich entstehen:
die Unternehmerpersönlichkeit selbst.
Die vorliegende Studie untersucht deshalb eine bislang wenig erforschte Perspektive der Transformation:
die psychologische Entscheidungsarchitektur unternehmerischer Führung.
Zentrale Forschungsfrage
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage, wie die innere Struktur der Unternehmerpersönlichkeit strategische Transformationsentscheidungen beeinflusst.
Die Studie formuliert dazu folgende zentrale Forschungsfrage:
Wie beeinflusst die innere Kohärenz der Unternehmerpersönlichkeit die Entscheidung, ein zirkuläres Geschäftsmodell zu initiieren – und wie interagiert diese Kohärenz mit externem Druck und verfügbaren Ressourcen?
Um diese Fragestellung empirisch zu untersuchen, wurde ein integratives Analysemodell entwickelt:
Der Entrepreneur Coherence Index (ECoI).
Die zentrale Hypothese der Studie lautet:
Nicht einzelne Persönlichkeitsmerkmale bestimmen unternehmerische Transformation, sondern ihre Kohärenz.
Der Entrepreneur Coherence Index (ECoI)
Vom Persönlichkeits-merkmal zur Entscheidungs-kultur:
Der Entrepreneur Coherence Index (ECoI)
Zur Analyse dieses Mechanismus wurde der Entrepreneur Coherence Index (ECoI) entwickelt.
Der Index integriert fünf empirisch fundierte Dimensionen:
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Werteorientierungen (Schwartz PVQ-21)
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Klarheit des unternehmerischen Purpose
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Verhaltensstil
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Motivationale Antriebe
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Emotionale Intelligenz
Der ECoI misst keine moralische Haltung und kein Nachhaltigkeitswissen.
Er misst strukturelle Kohärenz:
Das Maß, in dem Werte, Motivation, Verhaltensdispositionen und emotionale Regulation eine stabile Entscheidungsarchitektur bilden.
Kohärenz bedeutet Integration.
Wo Integration vorhanden ist, entstehen klare Richtungsentscheidungen.
Wo Integration fragmentiert ist, entstehen Ambivalenz und Verzögerung.
Forschungs-design
Die Untersuchung folgt einem Mixed-Methods-Ansatz, der quantitative Persönlichkeitsdiagnostik mit qualitativen Tiefeninterviews kombiniert. Dieses Forschungsdesign ermöglicht es, sowohl strukturelle Persönlichkeitsmuster als auch individuelle Entscheidungslogiken zu analysieren.
Die quantitative Datenerhebung basiert auf folgenden etablierten diagnostischen Instrumenten:
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PVQ-21 zur Analyse von Werteorientierungen
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Purpose-Klarheit - 9 Items Analyse
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DISC-Modell zur Erfassung von Verhaltensstilen
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12 Driving Forces zur Analyse motivationaler Treiber
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ein ability-basiertes Modell emotionaler Intelligenz
Diese Daten wurden anschließend mit qualitativen Interviews trianguliert, in denen Unternehmer ihre Entscheidungslogik, ihre Wahrnehmung externer Faktoren sowie ihre strategischen Prioritäten beschrieben.
Die Stichprobe umfasst Unternehmerinnen und Unternehmer aus kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland
Schweiz, Vereinigtes Königreich.
Zur weiteren Analyse wurden zwei Gruppen gebildet:
Starter
Unternehmer, die ein zirkuläres Geschäftsmodell bereits initiiert haben.
Nicht-Starter
Unternehmer, die trotz vergleichbarer Rahmenbedingungen bislang keinen Start vorgenommen haben.
Zentrale
Ergebnisse
Die Analyse zeigt ein bemerkenswert konsistentes Muster:
Der entscheidende Unterschied zwischen Startern und Nicht-Startern liegt nicht in einzelnen Persönlichkeitsmerkmalen, sondern in deren Kohärenz.
Der Entrepreneur Coherence Index trennt beide Gruppen eindeutig.
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Kein Unternehmer mit niedrigem ECoI initiierte ein zirkuläres Geschäftsmodell.
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Kein Unternehmer mit hohem ECoI blieb Nicht-Starter.
Aus den Ergebnissen lassen sich drei zentrale Wirkungsmechanismen ableiten.
1. Kohärenz bestimmt die Richtung der Entscheidung
Unternehmer mit hoher Kohärenz verfügen über eine konsistente Verbindung zwischen Werten, Purpose, Verhalten und Motivation. Diese Passung ermöglicht klare Prioritäten und erhöht die Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit.
Unternehmer mit niedriger Kohärenz zeigen dagegen fragmentierte oder widersprüchliche Entscheidungsstrukturen. Dies führt häufig zu Ambivalenz und verzögerten Entscheidungen.
2. Externer Druck verstärkt, er initiiert nicht
Regulatorische oder gesellschaftliche Anforderungen lösen Transformation nicht automatisch aus. Sie wirken vielmehr als Verstärker bereits vorhandener innerer Strukturen.
Bei hoher Kohärenz beschleunigt externer Druck Transformationsprozesse.
Bei niedriger Kohärenz verstärkt er Unsicherheit und Entscheidungsverzögerung.
3. Ressourcen bestimmen die operative Tiefe, nicht den Start
Kapital, Zeit oder Infrastruktur beeinflussen den Umfang der Umsetzung, nicht jedoch die Initiierungsentscheidung.
Die Studie zeigt:
Es gab keinen einzigen Fall, in dem Ressourcenmangel einen kohärenten Unternehmer an der Initiierung hinderte. Und keinen Fall, in dem Ressourcenfülle bei inkohärenten Profilen eine Transformation auslöste.
Fünf Entscheidungstypen
Fünf wiederkehrende Entscheidungs-logiken im Mittelstand
Die Studie identifiziert fünf strukturelle Muster unternehmerischer Entscheidungsfindung:
Intrinsic Catalysts
Unternehmer mit hoher innerer Kohärenz und stabiler intrinsischer Motivation. Kreislaufwirtschaft wird aus innerer Überzeugung strategisch verankert, unabhängig von äußeren Impulsen.
Opportunity Accelerators
Unternehmer mit hoher innerer Kohärenz. Strategisch aufmerksame Unternehmer, die externe Impulse in Entscheidungen übersetzen können und externe Signale als Beschleuniger ihrer Transformationsstrategie nutzen.
Market-Driven Actors
Unternehmer mit eher niedriger Kohärenz, die starken äußeren Druck wahrnehmen, jedoch keine klare Initiierungsentscheidung treffen.
Dormant Potentials
Unternehmer, bei denen weder innere Kohärenz noch äußerer Druck ausreichende Impulse für Transformation erzeugen.
Value-Gap Traditionalists
Unternehmer, deren Werte Nachhaltigkeit betonen, deren Entscheidungen jedoch nicht konsequent daraus abgeleitet werden.
Wichtig:
Diese Typologien bewerten nicht Kompetenz.
Sie beschreiben Entscheidungsarchitektur.
Strategische Implikationen
Strategische Implikationen für Unternehmer und Entscheider
Die Ergebnisse der Untersuchung legen nahe, dass die Initiierung zirkulärer Geschäftsmodelle im Mittelstand nicht primär durch externe Faktoren bestimmt wird. Entscheidend erscheint vielmehr die innere Kohärenz der Unternehmerpersönlichkeit.
Aus den empirischen Befunden lassen sich vier zentrale Implikationen ableiten.
1. Kohärenz ist der primäre Transformationshebel
Der Entrepreneur Coherence Index (ECoI) erweist sich als der stärkste Einzelprädiktor für die Initiierung zirkulärer Geschäftsmodelle.
Nicht einzelne Persönlichkeitsmerkmale sind entscheidend, sondern die Passung zwischen:
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Werteorientierungen
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Purpose-Klarheit
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Verhaltensstil
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Motivatoren
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emotionaler Intelligenz.
Unternehmer mit hoher Kohärenz treffen konsistente Entscheidungen auch unter Unsicherheit und können externe Signale in eine klare strategische Richtung übersetzen.
Transformation beginnt daher nicht mit Maßnahmenkatalogen, sondern mit der Reflexion der eigenen Entscheidungsstruktur.
2. Purpose wirkt als strategisches Entscheidungssystem
Die Untersuchung zeigt, dass Purpose-Klarheit die deutlichste Einzeltrennung zwischen Startern und Nicht-Startern darstellt.
Bei den untersuchten Startern fungiert Purpose nicht als kommunikatives Leitbild, sondern als operatives Entscheidungssystem.
Er strukturiert Prioritäten, reduziert Ambiguität und ermöglicht es Unternehmern, externe Anforderungen in eine konsistente Handlungslogik zu überführen.
Wo Purpose dagegen diffus bleibt oder nicht mit Verhalten und Motivation verbunden ist, entstehen häufig Entscheidungsverzögerungen oder inkonsistente Transformationsinitiativen.
3. Externer Druck verstärkt bestehende Entscheidungsstrukturen
Regulatorische Anforderungen, Marktimpulse oder gesellschaftliche Erwartungen lösen Transformation nicht automatisch aus.
Die Studie zeigt vielmehr:
Externer Druck wirkt als Interpretationsverstärker.
Bei hoher Kohärenz beschleunigt er bestehende Transformationsprozesse.
Bei niedriger Kohärenz verstärkt er Unsicherheit und Ambivalenz.
Politische oder regulatorische Maßnahmen können daher Transformation unterstützen, ersetzen jedoch nicht die innere Entscheidungsstruktur unternehmerischer Führung.
4. Ressourcen beeinflussen die Umsetzung – nicht die Initiierung
Ein verbreitetes Narrativ in der Transformationsdebatte lautet, dass fehlende Ressourcen der zentrale Grund für ausbleibende nachhaltige Innovation seien. Die empirischen Ergebnisse dieser Studie widersprechen dieser Annahme.
Ressourcen bestimmen die operative Tiefe der Transformation, etwa die Geschwindigkeit oder den Umfang von Implementierungsmaßnahmen. Sie erklären jedoch nicht die Initiierungsentscheidung.
In der vorliegenden Stichprobe zeigte sich kein Fall, in dem Ressourcenmangel einen kohärenten Unternehmer am Start hinderte. Ebenso gab es keinen Fall, in dem Ressourcenfülle bei inkohärenten Profilen Transformation auslöste.
5. Gesamtimplikation
Die Ergebnisse verschieben den Fokus der Transformationsdebatte im Mittelstand.
Der entscheidende Hebel liegt nicht primär in Technologien, Förderprogrammen, Marktdruck oder regulatorischem Druck. Er liegt in der Ausprägung unternehmerischer Führung.
Zirkuläre Geschäftsmodelle entstehen vor allem dort, wo Unternehmer eine kohärente Verbindung zwischen den 5 Dimensionen des ECoI und strategischen Entscheidungen herstellen können.
Oder anders formuliert:
Die Kreislaufwirtschaft beginnt nicht im Markt, nicht in der Technologie und nicht im Gesetzestext.
Sie beginnt im Unternehmer selbst.
Download
Das Whitepaper enthält:
-
die vollständige empirische Analyse
-
die Herleitung des Entrepreneur Coherence Index
-
die Typologie unternehmerischer Entscheidungsmuster
-
strategische Implikationen für Führung und Governance im Mittelstand.
Zuätzlich als Download verfügbar:
-
Research Brief
-
Whitepaper Summary (6-Pager)
Die vollständige Studie herunterladen
Akademischer Kontext
Diese Forschung wurde im akademischen Rahmen der WU Executive Academy Wien und der Tomorrow University Berlin im Rahmen eines Master-Forschungsprogramms durchgeführt.
Die Studie basiert auf einem Mixed-Methods-Design und kombiniert psychometrische Diagnostik mit leitfadengestützten qualitativen Interviews mit kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich.
Sie leistet einen Beitrag zum wachsenden Diskurs an der Schnittstelle von Führungspsychologie und nachhaltiger Transformation.
Über den Autor
Thomas Keppler führte diese empirische Untersuchung nach mehr als zwanzig Jahren in leitenden Funktionen, darunter als CEO, durch. In dieser Zeit übernahm er unternehmerische Verantwortung für die Transformation von Unternehmen und Geschäftsmodellen in dynamischen Marktumfeldern.
Seine Forschung untersucht die strukturellen Treiber nachhaltiger Entscheidungsprozesse im Mittelstand und führt unternehmerische Kohärenz als zentrale Führungskompetenz in Transformationskontexten ein.


